Superviele Künstlerbücher

Großartig ist auch ‘Das Kunstbuch’, gegründet von Marlene Obermayer. Wobei der Titel eigentlich fast irreführend ist, weil es ganz speziell auch um Künstlerbücher und -zeitschriften geht. Von Klassikern wie den Büchern von den Bechers oder Ed Ruscha über Hedi Slimanes Fotobände bis hin zu obskureren Sachen wie ‘Die Schastrommel’ findet sich eine fast schon unüberschaubare Vielfalt. Wobei alles seriös getagt und verlinkt ist, man also immer den Überblick behalten kann. Und oft gibt es noch weitere Informationen, bei besonders raren Veröffentlichungen z.B. Hinweise auf Bibliotheken, die die haben. Bewundernswert ist auch die Update-Intensität, so gibt es fast jeden Tag etwas Neues.

The Future Commons 2070: Vom Meer und vom Land

Manchmal hilft ein Perspektivwechsel, um etwas zu verstehen, das eigentlich klar sein könnte, aber eben nicht ist. Bei der großartigen Meeres-Karte  „The Future Commons 2070“, initiiert und realisiert von Charlotte Geldof und der Gruppe Magnificent Surroundings+, bestehend aus Raumplanern, Architekten und Wissenschaftlern, ist das so.

Mit den Mitteln des Research-by-Design geht es der unabhängigen Gruppe um die Zukunft des Meeres, oder präziser, um die südliche Nordsee zwischen Belgien, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden. Von der zunehmende Beanspruchung aller Lebensräume ausgehend, wird eine Vision projiziert, in der das Meer nicht mehr in Konkurrenz ausgebeutet, sondern als Commons gemeinsam verwaltet wird. Besonders eindrücklich  ist aber die Zwangsläufigkeit, mit der sich diese Idee bezüglich des Meeres entwickeln lässt. Angesichts der Unbändigkeit des Wassers wird schnell klar, hier geht es nicht um Ideologie, sondern ganz einfach um Physik. Und so lässt sich die Karte auch als Denkanstoß bezüglich des Festlands verstehen: Sind die Bedingungen in unserem Lebensraum wirklich so anders?

Die Ansprüche an das Meer, die der Karten-Zukunft zu Grunde liegen, leiten sich aus der weiter steigenden Bevölkerungsdichte ab. Das Meer wird genutzt als Quelle für Nahrungsmittel, Energie und Ressourcen, ist Transportraum und Freizeitfläche. Während es zugleich, mit dem Klimawandel, wieder zu einer Gefahr wird, mit der wir erst umzugehen lernen müssen. Die zentrale These von Magnificent Surroundings lautet nun, dass die Verhandlung dieser Ansprüche und Herausforderungen nur mittels eines Managements gelingen kann, das die heute existierende kleinteilige Verwaltungs- und Ordnungsstruktur zu überwinden vermag. Denn weder das Meer noch die Herausforderungen kümmern sich um die willkürliche Grenzziehung der Nationalstaaten.

Als Lösung schlägt Magnificent Surroundings vor, die heute als 200-Meilen-Zone bekannte, jeweils einzelnen Staaten zugeordnete ausschließliche Wirtschaftszone in ein Commons zu überführen. So würde es möglich, die räumliche Strukturierung des Meeres auch an tatsächlichen ökologischen Gegebenheiten auszurichten.  Wobei die Verwaltung dieses Commons nach Regeln zu erfolgen hätte, die seinem gemeinschaftlichen Charakter gerecht zu werden versprächen. Und das Commons nicht einfach am Strand enden dürfte, sondern auch ein Stück Land umfassen müsste, als ein variabler, sich gegenseitig bedingender Küstenstreifen.

Während die Idee des Commons global gedacht wird, fokussiert die Karte mit der südlichen Nordsee auf einen besonders intensiv genutzten Teil des Meeres, der innerhalb des Szenarios unter Verwaltung der EU steht. Das Besondere ist jedoch, dass die Karte kein abstraktes Konzept zeigt, sondern eine konkrete Momentaufnahme, ein Bild aus der Zukunft, das das Ergebnis eines ungewöhnlichen entwurfsbasierten Forschungsansatzes ist.

Und das Resultat ist gleichermaßen gutaussehend wie in seiner Vielschichtigkeit beeindruckend. Von Ester Goris und Dagmar Pelger mitentwickelt und in feinen Linien per Hand gezeichnet, zugleich aber doch an die Präzision technischer Darstellungen erinnernd, zeigt die Karte eine so hohe Detaildichte, dass zunächst vor allem der Gesamteindruck wirkt. Ganz unmittelbar ist so zu verstehen, mit welcher Intensität die Nordsee genutzt wird und was für aufwändige zeit-räumliche Konfigurationen das notwendig macht.

Erst der zweite Blick enthüllt die wichtigste grafische Setzung der Karte. Dass nämlich die Intensität des Commons unmittelbar der farbigen Dichte entspricht. Je schwärzer, desto gemeinschaftlicher ist die Verwaltung des Territoriums. Und die Freude an der schlauen Repräsentation begleitet auch die weitere Betrachtung der Karte, die allerdings ein Studium der Rückseite notwendig macht. Anhand  verschiedener Themenblöcke, Illustrationen und Legenden werden hier die Hintergründe ausführlich beschrieben.

Die Strukturierung der gemeinsamen Zone richtet sich nach Peter Barnes Unterteilung in natürliche, gemeinschaftliche und kulturelle Commons. Zu Ersteren zählen Elemente wie Dünen, Wälder oder Marschseen, aber auch das Wasser selbst oder die Luft. Gemeinschaftliche Commons sind dagegen vor allem Infrastrukturen wie Strom- oder Verkehrsnetzwerke, oder, ganz generell, alle technischen Einrichtungen, die das Funktionieren der Gesellschaft  sicherstellen. Während zu den kulturellen Commons vergangene Zeugnisse wie Burgen oder Schiffwracks gehören, aber auch alles, was zeitgenössische Wertvorstellungen sichtbar macht.

Hiervon ausgehend entwickeln die Autorinnen einen Planungs- und Gestaltungsprozess, der einerseits natürliche Gegebenheiten berücksichtigt, zugleich aber auch möglichst informierte technische, soziale und kulturelle Abwägungen trifft. So werden Zonierungen von der Schifffahrtsnutzung bis hin zu landschaftlichen Rückzugzugsgebieten festgelegt. Oder es werden technische Einrichtungen wie Pipelines, Windräder und schwimmende Großstrukturen definiert, Sandreinigungsanlagen beispielsweise oder Hochseehäfen. Und auch die Zukunft wird nicht vergessen. Ein abstrakter Schwarm repräsentiert die Evolution natürlicher Elemente, während eine Wolke neue technische Erfordernisse der Gesellschaft im Jahr 2070 bezeichnet und Seemonster den Platz für bisher unbekannte kulturelle Setzungen freihalten.

Die Planung folgt dabei der Überlegung, dass eine gemeinschaftliche Verwaltung des Commons bedeuten muss, dass dessen Qualitäten erhalten werden. Und dass dies angesichts des Klimawandels nur heißen kann, ein Leben nicht gegen sondern mit dem Meer zu führen, im Sinne eines geordneten Rückzugs aus der Ideologie der Naturbeherrschung.

So wird in der Karte in großes Maß an Variabilität sichtbar, wechseln sich stabile Küstenabschnitte mit weichen ab, die dem Wasser ohne Hindernisse zugänglich sind. Zugleich gibt es schwimmende Infrastrukturen mit flexiblen Netzen und Knoten und bauliche Strukturen an Land, die mit einfachen Mitteln auf wiederkehrende Überflutungen vorbereitet sind. Und manchmal wird der Wiederstand einfach ganz aufgegeben, wird das Hinterland vom Wald zurückerobert, als wichtiger CO²-Speicher, oder einige Polder der Flutung überlassen. Während die Ausbeutung der Meeres-Ressourcen strengen Auflagen unterliegen und nur in seltenen Fällen gestattet wird.

Was dann von dieser Strategie als landschaftliches Karten-Resultat sichtbar wird, beschreiben die Autorinnen als Magnificent Surrounding PLUS. Eine Umgebung , die eben nicht durch den Gegensatz Natur/Zivilisation geprägt ist, sondern die gerade aufgrund der Durchdringung beider Sphären eine ganz eigene Schönheit innehat. Als eine Art neue Kulturlandschaft, nur rauer und gewaltiger – was in der grafischen Umsetzung der Karte gut sichtbar wird.

Bei aller narrativen Schönheit und Stringenz, es gibt auch eine kleine Kehrseite dieser Präzision und das ist eine leichte Unschärfe im Prozess. Während es gut verständlich ist, wie sich der größere Verwaltungsraum des Commons, wie sich das Anpassen an die Bedingungen des Meeres räumlich auswirken könnten, so wird nicht ganz klar, in welcher Weise die ja auch weiterhin bestehenden Ansprüche an das Meer verhandelt werden würden. Wer darf wann wie was und wer entscheidet darüber, das bleibt aber natürlich eine wichtige Frage, von Barnes markförmiger Verhandlung in seinem Sky Trust Proposal bis hin zu Elinor Ostroms polyzentrischem System der Verantwortlichkeit in ihren „design principles“. Gerne hätte man auch in dieser Richtung noch mehr erfahren, was aber natürlich angesichts der politischen Komplexität dieser Frage leicht den Rahmen des Researchs wie auch die räumliche Aussagekraft der Karte hätte sprengen können.

Die Frage nach Räumen und Institutionen führt zurück zum Ausgangspunkt, zum Perspektivwechsel, den die Karte zu ermöglichen vermag. Demnach liegt ihre besondere Qualität in zwei Aspekten. Zum einen natürlich darin, als präzises Proposal bezüglich der Verwaltung des Meeres in Zeiten von Klimawandel und Globalisierung gelesen zu werden. Zum anderen aber auch in ihrer Nützlichkeit als Hinweis, als eine einprägsame Erinnerung daran, dass die Frage der Commons auch bezüglich des Festlands weiterhin von großer Relevanz ist. So lässt sich das alle Grenzen überschreitende Medium Wasser auch als Metapher dafür sehen, wie eng verbunden ganz allgemein das Leben auf der Erde ist. Und man würde sich sehr wünschen, dass das analytische Werkzeug, das Magnificent Surroundings für ihre Vision der südlichen Nordsee entwickelt hat, auch für die Konzeptualisierung anderer Commons Verwendung findet, vielleicht nicht nur in der Umgebung der Städte, sondern auch in den Städten selbst.

Magnificent Surroundings+ (Geldof, C.; Janssens, N.; Goossens, C.; Goris, E.; Pelger, D.; Labarque, P.), The Future Commons 2070, Map C01, Harwich to Hoek van Holland and Dover Strait, ISBN: 978-90-8177211-2, mit Seeungeheuern von Eran Hendrickx

BETONBABE is really brute

Ziemlich oft  machen ja am Ende doch die einfachen Dinge am meisten Spaß, FFFFOUND! z.B., nichts anstrengend lesen oder irgendetwas, einfach, zack, Bilder. So etwas wie ein ArchitekInnen Micro-FFFFOUND! ist der tumblr BETONBABE, der sich auf mehr oder weniger extreme Objekt-und Struktur-Fetisch-Bilder in schwarz-weiß konzentriert.  Oft beispielsweise radikale Projekte aus allen Zeiten, in Form von Zeichnungen, Modellen oder Fotografien, gerne aber auch mal Patterns oder Reliefs, etwas Dokumentarisches, ein bisschen Kunst, ein paar Salzkristalle oder ein Film. Aber immer rar, wild und brute, so z.B. von George Sowden, den Bechers, Josef Albers, Palladio, Fuller, Ungers oder auch mal William Forsythe. Echt gut.

“Project Japan” von Rem Koolhaas und Hans Ulrich Obrist

"Project Japan", in einer europäischen Interpretation des japanischen Schutzumschlages

Japan. Seit der ersten Welle des Japonismus im ausgehenden 19. Jahrhundert ist immer wieder japanisches Denken in Kunst, Design, Architektur oder Städtebau Impulsgeber für Entwicklungssprünge dieser Disziplinen im Rest der Welt.

Japan bleibt auch jetzt ein Faszinosum und seit einigen Jahren ist insbesondere die Design- und Raumkultur um das zeitgenössische japanische Wohnhaus bemerkenswert. Zum Teil schwer in bestehende architektonisch-typologische  Definitionen zu fassen, drückt sich hier eine ganze Generation von jungen (und nicht mehr ganz so jungen) Architekten mit einer Raumvirtuosität aus, die anderswo ihresgleichen sucht.

„Creating space where there is none”, könnte man diese Raumpraxis nennen. Space im Sinne von vielfältigen Raumerlebnissen, geschichtet, verschränkt, ineinander geschachtelt – space im Sinne einer konstruierten Raumtiefe an Orten, die sich eigentlich durch Enge, Unzugänglichkeit, oder mangelnde Privatheit auszeichnen – wie beispielsweise Sou Fujimotos „House N,“ das mit seinen Schichtungen zugleich gezielte Außenbezüge wie ein starkes Filtern der Stadt drumherum ermöglicht.

Dass diese aktuellen Tendenzen jedoch nicht aus dem Nichts kommen, dass es vor dieser Bewegung eine Bewegung gab, die eben auch als Wegbereiter des zeitgenössischen japanischen Hauses gesehen werden kann, dass wird erst jetzt deutlicher, da Rem Koolhaas und Hans Ulrich Obrist mit ihrem Buch „Project Japan“ den Metabolismus näher beleuchten: Als Triebfeder für Architektur und Städtebau im Japan der 1960er und 70er Jahre, jedoch eben auch weit darüber hinaus.

Während Koolhaas ein weiteres Mal die Frage nach Bedeutung und Inhalt eines Manifestes umtreibt, entfaltet sich quasi nebenbei der unglaubliche Umfang und die Tiefe des textlichen wie entwurflichen Oeuvres der Metabolisten, das man eben auch als die architektonisch-städtebauliche Vorratskammer sämtlichen späteren Schaffens in Japan bezeichnen könnte. Denn die Metabolisten nahmen die Notwendigkeit des Wiederaufbaus Japans nach den extremen Zerstörungen des 2. Weltkrieges nicht nur zum Anlass‚ die Stadt gänzlich neu zu denken, sondern den zu erschließenden oder erschließbaren Raum gleich mit.

Kern von Project Japan sind 12 Interviews mit den noch lebenden Protagonisten des Metabolismus (oder zum Teil auch deren Familien), geführt von Hans Ulrich Obrist und Rem Koolhaas zwischen 2005 und 2009. Im typischen OMA-Collage-Style (Texte, Pläne, Bilder, Fußnoten, Anmerkungen und redaktionelle Hinweise in mehr oder weniger assoziativer Zusammenstellung) werden parallel hierzu historische Hintergründe, politische Zusammenhänge und natürlich der – schön systematisch nach Typologie sortierte – Output der Metabolisten in seinem enormen Umfang präsentiert.

Der vielleicht wichtigste Zusammenhang wird gleich zu Anfang deutlich: die personelle und ideenmäßige Kontinuität zwischen Vorkriegs- und Nachkriegszeit. Nicht erst Ende der 50er / Anfang der 60er Jahre wurden die Grundlagen der Raumstädte samt der Neuinterpretation grundlegender Prinzipien der traditionellen japanischen Architektur erdacht, sondern bereits in den 30er und 40er Jahren in gänzlich anderem Format.

Personelles Kontinuum findet sich hier vor allem in Kenzo Tange, dem spätere Initiator der Gruppe der Metabolisten und Organisator der für deren Etablierung so wichtigen World Design Conference (WoDeCo) 1960. Tange plante vor dem Krieg neue Siedlungsformen und Städte für die von Japan unter „Zusammenschluss“ Japans, Chinas, Koreas, der Mandschurei und Teile der Mongolei visionierte „Greater East Asia Co-Prosperity-Sphere.“ Konkret wurden die Planungen nach der Annexion der Mandschurei 1932. Hierfür wurden neue Infrastrukturen mit megalomanen Ausmaßen entworfen, aber auch Rückgriffe auf traditionelle japanische Architekturformen und Theorien vorgenommen, der Frage folgend, was die neuen Städte wohl spezifisch japanisch machen könnte.

Nach dem Krieg wurden diese Ideen dann, anlässlich von Überbevölkerung und Platzmangel auf dem japanischen Archipelago, einfach gestapelt, mit state-of-the-art-technology versehen, und in immer neuen Konfigurationen und auf unterschiedlichsten ‘Baugründen’ weitergedacht: die metabolistische Metropole „on the land, in the sea and in the air.“

Project Japan geht neben der historischen Kontinuität auch auf weitere, für den Erfolg des Metabolismus als movement unerlässliche Voraussetzungen ein: auf die enge und kluge strategische Verknüpfung von Architekturschaffenden und Bürokratie (Leitfigur hier: Atsushi Shimokobe), auf die sich verändernde Rolle des Architekten in der Gesellschaft (Kisho Kurokawa als Dandy mit massiver Medien- und TV-Präsenz) oder auf die Beziehungen und gegenseitigen Einflüsse zwischen Metabolisten und dem Rest der Welt. Der Metabolismus war eben keine Bewegung, die nur innerhalb der Architektenszene wahrgenommen werden sollte, sondern ein groß angelegtes project – mit ganz Japan als Zielgruppe (und gerne auch dem Rest Welt).

Während diese Themen helfen, sowohl die einzelnen Akteure des Metabolismus, als auch deren Wirken in variierenden Kontexten zu verorten, erfüllt Project Japan auch sein Kernanliegen: die Dokumentation all der verschiedenen typologischen, technischen und räumlichen ‘Versuche’ der Gruppe in Text und Bild. So ergibt sich ein Buch mit Enzyklopädie-Charakter, das jedoch nicht nur Überblick gibt und schnelles Nachschlagen ermöglicht, sondern sich größtenteils auch ziemlich spannend liest – letzteres vielleicht auch aufgrund des quasi-persönlichen Zugangs zur Materie durch das Interview-Format. Die verschiedenen Bestandteile und „Medien“ ergänzen sich vortrefflich, auch wenn man bisweilen den Eindruck eines mit der heißen Nadel gestrickten Werkes hat, wenn Tippfehler auffallen oder einem durch scheinbar nicht geprüftes Layout abgeschnittene Grafiken begegnen.

Doch während man das informative wie voluminöse Werk noch verdaut, entsteht auch langsam der Gedanke, dass Sou Fujimoto & Co., dass die ganze heutige Generation japanischer Architekten, vor allem eines getan haben. Nämlich die großmaßstäblichen Raumexperimente des Metabolismus in den kleinen, extrem fein ausdifferenzierten Maßstab des privaten Wohnhauses zu übertragen. Der Metabolismus suchte die japanische Metropole von oben und per Planung neu zu ordnen, er bejahte ihre Dichte und wollte doch lebenswertere Räume schaffen. Das zeitgenössische japanische Wohnhaus – fast ausnahmslos in der Metropole angesiedelt – schafft jeweils ganz gezielt besondere Lebensqualitäten an Orten, die bereits einen deutlichen, oft extremen Rahmen vorgeben. Hier werden mit kleinen, räumlich komplexen Interventionen von innen heraus die Vorlagen des metabolistischen Denkens aufgegriffen. Eine derartige Weiterentwicklung war natürlich nie so vorgesehen und vorhersehbar, erscheint jedoch rückwirkend betrachtet in ihrer Stringenz fast unvermeidlich. Nicht zuletzt auch in einem Land, das praktisch unvermittelt aus einer Zeit der absoluten Wachstumseuphorie in eine nun fast schon 20 Jahre währende Phase der Stagnation überging.

Gefühlt zeigt sich hier zwar auch eine Abkehr von städtebaulich-politischen Aspirationen, denn es tritt eine fragmentierte Bewegung auf die Bühne, die ihre Kunst des Räume-Machens  keinen großen gesellschaftlichen Zielen unterstellt, sondern lediglich einzelnen Bauherren zur Raum-Ergötzung und Lebensraumerweiterung verhilft. Doch in diesen Strategien zum Umgang mit der Stadt as found entsteht auch etwas Neues: eine Art Grundlagenforschung am Raum als Abstraktum. Und deren Ergebnisse wecken nicht nur eine ungewöhnliche Freude, eine Art reine Lust am Raum, sondern sie könnten sich gerade wegen dieser privaten Lust als etwas erweisen, das den Verlust vergangener Fortschrittseuphorien zu kompensieren vermag.

IBA-Textproduktion angelaufen

Schon einer der ersten Posts hier auf TRA drehte sich ja um die Berliner IBA 87 und auch weiterhin wird das Thema angesichts der 2020er-Pläne eine wichtige Rolle spielen. Wobei mit den beiden online verfügbaren Publikationen „Learning from IBA – die IBA 1987 in Berlin“ und „Perspektiven einer IBA Berlin 2020“ eine nicht unwesentliche Begleiterscheinung einer jeden Bauausstellung bereits voll eingesetzt hat. Nämlich, dass es neben Gebäuden und Aktionen vor allem auch die Bücher, Texte und Theorien sind, die in den folgenden Jahrzehnten interessant und auch relevant bleiben.

Beide produziert von Harald Bodenschatz und Cordelia Polinna, beschäftigt sich erstere Publikation mit einer Aufarbeitung und Einordnung sowohl des historischen Kontexts, der konkreten Konzepte bis hin zu einigen realisierten Fallbeispielen. Und gerade in der Kompaktheit der Darstellung, was man mit geschätzt 3 Mrd. DM so alles anstellen kann, ist diese Publikation sehr interessant; nicht zuletzt auch wegen der zahlreichen historischen und aktuellen Abbildungen.

Die zweite Publikation wirft dagegen schon einen Blick in die Zukunft und analysiert den aktuellen Stand des 2020er Konzepts (hier ebenfalls verfügbar). Auch das ist dankenswert, wird doch so etwas deutlicher, was sich hinter den mehr oder weniger vagen konzeptuellen  Ansätzen des Prae-IBA-Teams verbergen könnten.

Allerdings kann man den Untertitel „Ein strategisches Gutachten“ ruhig ernst nehmen, denn auf über dreißig Seiten bringen die AutorInnen mit „Radikal Radial“ ihr (zumindest teilweise) eigenes Berlin-Konzept ins Spiel. Und das bleibt in seinem räumlichen Ansatz  bis auf weiteres etwas diffizil, so dass man nur hoffen kann, der Senat hat noch etwas Geld (Kredit) übrig, um auch noch das Gutachten des Gutachtens zu beauftragen.

Antoine Picons “Digital Culture in Architecture”

Es ist schon erstaunlich.  Noch Anfang der 00er Jahre konnte man in Deutschland zumindest das Grundstudium in Architektur noch ohne weiteres bewältigen, ohne mit dem Computer in Berührung zu kommen. Statt Notebooks auf allen Tischen gab es nur Sammelbestellungen für die Mayline-Schiene. Trotzdem war CAD damals eigentlich schon eine alte Geschichte, so erschien die erste ARCH+ zum Thema beispielsweise bereits 1984 unter dem, nun ja, programmatischen Titel „Computer-Aided Design“. Es hat also lange, sehr lange gebraucht, bis der Computer seine heutige Allgegenwärtigkeit erlangt hatte. Und fast genauso lange wird nun schon darüber nachgedacht, was dies für die Disziplin bedeuten könnte. Ohne, dass diese Gedanken bisher das provisorische, vorläufige haben abwerfen können. Was wahrscheinlich daher rührt, dass hier noch immer in der Entfaltung begriffene Prozesse beobachtet werden.

Auch Antoine Picon, der seine Gedankenschärfe in seinen historischen Texten vielfach unter Beweis gestellt hat, geht dies in seinem 2010 erschienenen „Digital Culture in Architecture“ nur zum Teil anders. Dabei begeht Picon zumindest nicht den Fehler, allein auf die neuen Möglichkeiten der Formgebung zu fokussieren. So betrachtet er im vielleicht lesenswertesten Kapitel des Buches ausführlich die Geschichte der Informationsgesellschaft von ihren Anfängen bis heute. Wohl wissend, dass es für Architektur und Stadt am Ende nicht so sehr um den unmittelbaren Einfluss der Technik geht, sondern dass es vielleicht relevanter sein wird, wie sich die Gesellschaft um sie herum ändert und was diese dann von den Disziplinen fordert.

Doch so richtig hält auch Picon diese Perspektive nicht durch.  Zwar gibt es eine große Anzahl spannender Gedanken und er entwickelt sogar die Skizze einer neuen Materialität, mit der es Stadt und Architektur gelingen könnte, die Menschen im fließenden Raum der Informationsgesellschaft zu verankern. Trotzdem bleibt die Vision blass, verdichten sich die Gedanken auch im ebenfalls sehr lesenswerten Kapitel zur Stadt nie zu einer wirklich farbigen Idee einer Zukunft, bleibt es bei einer Aufzählung von Gedanken und Ansätzen.

So hat man fast den Eindruck, dass Picon zwar gut über Einfluss und Potentiale der heute verfügbaren Technologien  auf eine heute existierende Gesellschaft nachzudenken vermag, nicht aber darüber, wie sich diese Gesellschaft und ihre Individuen in Zukunft verändern könnten. Dass es ihm als Historiker doch schwer zu fallen scheint, für einen Moment die Gegenwart zu verlassen, ganz anders als der mehrfach von Picon zitierte Donna Haraway beispielsweise. Und so wünscht man sich während der trotzdem sehr lohnenden Lektüre mehr als einmal, es wäre schon 2050 und Picon schriebe im Rückblick.

Antoine Picon “Digital Culture in Architecture. An introduction for the design professions”, Basel 2010

Review im Domus Reading Room

Zu OMA: Progress-Videos, Koolhaas-Sloterdijk-Gespräch usw.

Im Gespräch der OMA-Partner anlässlich der Progress-Ausstellung im Barbican gibt Shohei Shigematsu, der vielleicht coolste der sieben, den Anlass für diesen Post: schon seit einiger Zeit hat BIG OMA in den Google-Anfragen überholt. Und zwar um Faktor zwei. OMA, das Büro, das in den letzten anderthalb Jahrzehnten vielleicht das einflussreichste war, spielt ganz offensichtlich bei einer jüngeren Generation eine immer geringere Rolle. Ein guter Zeitpunkt also, um noch einmal einen Blick auf das Büro zu werfen, bevor es in den Sonnenuntergang aufbricht. Und mit der Ausstellung samt ihres Rahmenprograms  sowie dem Koolhaas/Sloterdijk-Gespräch in Berlin gibt es gerade einige  gute und vor allem online verfügbare Gelegenheiten, um etwas über dessen Selbstwahrnehmung  und Selbstdarstellung zu erfahren. Einer der Gründe für all diese Bemühungen auf Seiten OMAs ist laut Shigematsu auch, dass sich dessen Image eigentlich nie an die Realität eines global operierenden, vielbauendend Büros angepasst hat. So wirkt zwar der Zauber des Radikalen noch für viele fort, die Konsequenz ist aber vielleicht auch, dass die OMA-Essenz nicht der veränderten Größe angepasst wurde und das Büro nur noch als eines der besseren unter vielen wahrgenommen wird.

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„Monopoly – Das Spiel, die Stadt und das Glück“ von Andreas Tönnesmann

Die Geburtsstunde der kapitalistischen Stadtutopie lag ausgerechnet in der Zeit der ersten globalen Depression des modernen Kapitalismus. Und, ganz amerikanischer Traum, wo sollte diese Geburt sonst stattfinden als in der Werkstatt eines einfachen Klempners an der Ostküste der USA. Dies trifft zumindest zu, folgt man der Argumentation von Andreas Tönnesmann, der in dem wohl erfolgreichsten Gesellschaftsspiel der Welt, „Monopoly“, die Inkarnation der kapitalistischen Stadt als Spiel sieht.

Dabei war Monopoly nicht alleine das Werk seines offiziellen Erfinders Charles Darrow, der schließlich das Patent für das Brettspiel erhielt. Vielmehr hatte es schon einige Entwicklungsstadien durchlaufen und war mit mehreren Müttern und Vätern gesegnet, als es zum idealen Zeitpunkt, von Darrow reduziert auf einfach verständliche Regeln, 1934 im Wanamaker’s Kaufhaus in Philadelphia auf den Markt kommt. Die „Great Depression“ hat das Land schon einige Zeit fest im Griff und die Reformen des New Deal beginnen erst langsam ihre Wirkung zu entfalten. Und so sind es die Rückbesinnung auf uramerikanische Werte wie Eigeninitiative oder Mut zum Risiko und die Möglichkeit, dank Roosevelts Wirtschaftspolitik großen Reichtum anzuhäufen, die auch Monopoly leiten und es im Fahrwasser des Aufschwungs fahren lassen.

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“C’était un Rendez-vous” von Claude Lelouch

Ok, ich mach‘s kurz: Claude Lelouchs „C’était un Rendez-vous“ ist einer der besten Filme, die je über Stadt gemacht wurden. Und das mindestens aus zwei Gründen. Zum einen sicherlich aufgrund der atemberaubenden Handlung, die wir da sehen: Ein Auto rast früh morgens mit extrem hoher Geschwindigkeit und ohne ein einziges Mal anzuhalten über 8 Minuten durch Paris. Gefährlich, unglaublich dynamisch, wunderschön. Jedenfalls für alle, die Geschwindigkeit mögen. Zugleich ist es aber auch noch etwas anderes. Obwohl die Bilder in ihrer heroischen Farbigkeit im ersten Moment daran erinnern, wie im Autorennspiel die Stadt zur Kulisse wurde, hinterlässt der Film genau den gegenteiligen Eindruck. Selten ist mir jedenfalls Stadt, als kontinuierlicher Raum aber auch als isoliertes Objekt, so deutlich bewusst geworden. Und ich würde sogar so weit gehen, dass diese mediale Erfahrung, die so wahrscheinlich nur durch das Betrachten eines Films möglich ist, sich nachhaltig auf das konkrete Erfahren von Stadt auswirkt. Und das ist, würde ich sagen, pretty funky.

Mit Dank an Pierre Boivin.

EDIT: Leider ist bei Youtube das Orginal verloren gegangen, darum nur noch das (schlechte) Making-Of. Aber macht euch auf die Suche, es lohnt sich.

Zur Arch+ 204: Die Krise der Krise ist die Krise, in der wir uns befinden

„Kulturpessimismus, alter Freund, wann immer unser Blick in die Ferne schweift, erhebst du ganz nah Dein gräuliches Haupt.“ Michael Jackson, HIStory

Man kann es nicht anders sagen, selten war das Timing der Arch+ so perfekt. Während Europa um seine Währung kämpft und sich nur schwer zwischen einer Verknappung oder Vervielfachung der Geldmenge entscheiden kann, während noch immer Herabstufung und Bankrott drohen und nur mehr die Abgabe nationaler Souveränität an kaum legitimierte Expertenteams und internationale Institutionen als Lösungen erscheint, da beschäftigt sich die aktuelle Ausgabe unter dem Titel „Die Krise der Repräsentation“ bereits mit einer Aufarbeitung der Geschehnisse, zumindest im Bereich Architektur und Stadt.

Gerade eine solche Aktualität birgt aber auch die Gefahr, sich die Perspektive der Krise zu sehr anzueignen und in diesem Sinne möchte ich behaupten: Selten war eine Ausgabe der Arch+ pessimistischer. Ähnlich, wie auch der Einsatz von Milliarden von Euro die allgemeine Ratlosigkeit bisher nur zu vergrößern vermochte, werden zwar Ursachen und Konsequenzen benannt, die wenigen skizzierten Perspektiven vermögen es aber kaum, die pessimistische Grundstimmung zu vertreiben. Ob es wirklich so düster ist? Wer weiß. Trotzdem kommen wir natürlich nicht umhin, uns damit zu konfrontieren. Und genau das leistet das Heft auf gewohnt hohem Niveau.

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