TEXTRAUM *assessments (TRA) sichtet, bespricht und interpretiert Texte zu Raum, Stadt, Architektur und benachbarten Themenfeldern. Mittelfristig soll TRA zu einer Schnittstelle werden, an der die vielfältige Textproduktion in diesen Bereichen zumindest im Ansatz zu übersehen ist. Im Moment ist TRA jedoch vor allem als Inkubator gedacht, mittels dem zunächst Möglichkeiten getestet und eine breitere Basis entwickelt werden soll. So sei hiermit auch dazu aufgefordert, sich einfach zu melden und mitzumachen: info(at)textplusraum.net
Es ist schon erstaunlich. Noch Anfang der 00er Jahre konnte man in Deutschland zumindest das Grundstudium in Architektur noch ohne weiteres bewältigen, ohne mit dem Computer in Berührung zu kommen. Statt Notebooks auf allen Tischen gab es nur Sammelbestellungen für die Mayline-Schiene. Trotzdem war CAD damals eigentlich schon eine alte Geschichte, so erschien die erste ARCH+ zum Thema beispielsweise bereits 1984 unter dem, nun ja, programmatischen Titel „Computer-Aided Design“. Es hat also lange, sehr lange gebraucht, bis der Computer seine heutige Allgegenwärtigkeit erlangt hatte. Und fast genauso lange wird nun schon darüber nachgedacht, was dies für die Disziplin bedeuten könnte. Ohne, dass diese Gedanken bisher das provisorische, vorläufige haben abwerfen können. Was wahrscheinlich daher rührt, dass hier noch immer in der Entfaltung begriffene Prozesse beobachtet werden.
Auch Antoine Picon, der seine Gedankenschärfe in seinen historischen Texten vielfach unter Beweis gestellt hat, geht dies in seinem 2010 erschienenen „Digital Culture in Architecture“ nur zum Teil anders. Dabei begeht Picon zumindest nicht den Fehler, allein auf die neuen Möglichkeiten der Formgebung zu fokussieren. So betrachtet er im vielleicht lesenswertesten Kapitel des Buches ausführlich die Geschichte der Informationsgesellschaft von ihren Anfängen bis heute. Wohl wissend, dass es für Architektur und Stadt am Ende nicht so sehr um den unmittelbaren Einfluss der Technik geht, sondern dass es vielleicht relevanter sein wird, wie sich die Gesellschaft um sie herum ändert und was diese dann von den Disziplinen fordert.
Doch so richtig hält auch Picon diese Perspektive nicht durch. Zwar gibt es eine große Anzahl spannender Gedanken und er entwickelt sogar die Skizze einer neuen Materialität, mit der es Stadt und Architektur gelingen könnte, die Menschen im fließenden Raum der Informationsgesellschaft zu verankern. Trotzdem bleibt die Vision blass, verdichten sich die Gedanken auch im ebenfalls sehr lesenswerten Kapitel zur Stadt nie zu einer wirklich farbigen Idee einer Zukunft, bleibt es bei einer Aufzählung von Gedanken und Ansätzen.
So hat man fast den Eindruck, dass Picon zwar gut über Einfluss und Potentiale der heute verfügbaren Technologien auf eine heute existierende Gesellschaft nachzudenken vermag, nicht aber darüber, wie sich diese Gesellschaft und ihre Individuen in Zukunft verändern könnten. Dass es ihm als Historiker doch schwer zu fallen scheint, für einen Moment die Gegenwart zu verlassen, ganz anders als der mehrfach von Picon zitierte Donna Haraway beispielsweise. Und so wünscht man sich während der trotzdem sehr lohnenden Lektüre mehr als einmal, es wäre schon 2050 und Picon schriebe im Rückblick.
Im Gespräch der OMA-Partner anlässlich der Progress-Ausstellung im Barbican gibt Shohei Shigematsu, der vielleicht coolste der sieben, den Anlass für diesen Post: schon seit einiger Zeit hat BIG OMA in den Google-Anfragen überholt. Und zwar um Faktor zwei. OMA, das Büro, das in den letzten anderthalb Jahrzehnten vielleicht das einflussreichste war, spielt ganz offensichtlich bei einer jüngeren Generation eine immer geringere Rolle. Ein guter Zeitpunkt also, um noch einmal einen Blick auf das Büro zu werfen, bevor es in den Sonnenuntergang aufbricht. Und mit der Ausstellung samt ihres Rahmenprograms sowie dem Koolhaas/Sloterdijk-Gespräch in Berlin gibt es gerade einige gute und vor allem online verfügbare Gelegenheiten, um etwas über dessen Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung zu erfahren. Einer der Gründe für all diese Bemühungen auf Seiten OMAs ist laut Shigematsu auch, dass sich dessen Image eigentlich nie an die Realität eines global operierenden, vielbauendend Büros angepasst hat. So wirkt zwar der Zauber des Radikalen noch für viele fort, die Konsequenz ist aber vielleicht auch, dass die OMA-Essenz nicht der veränderten Größe angepasst wurde und das Büro nur noch als eines der besseren unter vielen wahrgenommen wird.
Die Geburtsstunde der kapitalistischen Stadtutopie lag ausgerechnet in der Zeit der ersten globalen Depression des modernen Kapitalismus. Und, ganz amerikanischer Traum, wo sollte diese Geburt sonst stattfinden als in der Werkstatt eines einfachen Klempners an der Ostküste der USA. Dies trifft zumindest zu, folgt man der Argumentation von Andreas Tönnesmann, der in dem wohl erfolgreichsten Gesellschaftsspiel der Welt, „Monopoly“, die Inkarnation der kapitalistischen Stadt als Spiel sieht.
Dabei war Monopoly nicht alleine das Werk seines offiziellen Erfinders Charles Darrow, der schließlich das Patent für das Brettspiel erhielt. Vielmehr hatte es schon einige Entwicklungsstadien durchlaufen und war mit mehreren Müttern und Vätern gesegnet, als es zum idealen Zeitpunkt, von Darrow reduziert auf einfach verständliche Regeln, 1934 im Wanamaker’s Kaufhaus in Philadelphia auf den Markt kommt. Die „Great Depression“ hat das Land schon einige Zeit fest im Griff und die Reformen des New Deal beginnen erst langsam ihre Wirkung zu entfalten. Und so sind es die Rückbesinnung auf uramerikanische Werte wie Eigeninitiative oder Mut zum Risiko und die Möglichkeit, dank Roosevelts Wirtschaftspolitik großen Reichtum anzuhäufen, die auch Monopoly leiten und es im Fahrwasser des Aufschwungs fahren lassen.
Ok, ich mach‘s kurz: Claude Lelouchs „C’était un Rendez-vous“ ist einer der besten Filme, die je über Stadt gemacht wurden. Und das mindestens aus zwei Gründen. Zum einen sicherlich aufgrund der atemberaubenden Handlung, die wir da sehen: Ein Auto rast früh morgens mit extrem hoher Geschwindigkeit und ohne ein einziges Mal anzuhalten über 8 Minuten durch Paris. Gefährlich, unglaublich dynamisch, wunderschön. Jedenfalls für alle, die Geschwindigkeit mögen. Zugleich ist es aber auch noch etwas anderes. Obwohl die Bilder in ihrer heroischen Farbigkeit im ersten Moment daran erinnern, wie im Autorennspiel die Stadt zur Kulisse wurde, hinterlässt der Film genau den gegenteiligen Eindruck. Selten ist mir jedenfalls Stadt, als kontinuierlicher Raum aber auch als isoliertes Objekt, so deutlich bewusst geworden. Und ich würde sogar so weit gehen, dass diese mediale Erfahrung, die so wahrscheinlich nur durch das Betrachten eines Films möglich ist, sich nachhaltig auf das konkrete Erfahren von Stadt auswirkt. Und das ist, würde ich sagen, pretty funky.
„Kulturpessimismus, alter Freund, wann immer unser Blick in die Ferne schweift, erhebst du ganz nah Dein gräuliches Haupt.“ Michael Jackson, HIStory
Man kann es nicht anders sagen, selten war das Timing der Arch+ so perfekt. Während Europa um seine Währung kämpft und sich nur schwer zwischen einer Verknappung oder Vervielfachung der Geldmenge entscheiden kann, während noch immer Herabstufung und Bankrott drohen und nur mehr die Abgabe nationaler Souveränität an kaum legitimierte Expertenteams und internationale Institutionen als Lösungen erscheint, da beschäftigt sich die aktuelle Ausgabe unter dem Titel „Die Krise der Repräsentation“ bereits mit einer Aufarbeitung der Geschehnisse, zumindest im Bereich Architektur und Stadt.
Gerade eine solche Aktualität birgt aber auch die Gefahr, sich die Perspektive der Krise zu sehr anzueignen und in diesem Sinne möchte ich behaupten: Selten war eine Ausgabe der Arch+ pessimistischer. Ähnlich, wie auch der Einsatz von Milliarden von Euro die allgemeine Ratlosigkeit bisher nur zu vergrößern vermochte, werden zwar Ursachen und Konsequenzen benannt, die wenigen skizzierten Perspektiven vermögen es aber kaum, die pessimistische Grundstimmung zu vertreiben. Ob es wirklich so düster ist? Wer weiß. Trotzdem kommen wir natürlich nicht umhin, uns damit zu konfrontieren. Und genau das leistet das Heft auf gewohnt hohem Niveau.
Die Hochrechnungen der UNO, die davon ausgehen, dass seit dieser Woche die Zahl der Menschen, die auf der Erde leben, sieben Milliarden überschritten hat, zeigen, dass Überbevölkerung und Dichte nach wie vor ein Thema sind, das für Aufsehen sorgt. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Dichte war dagegen in den letzten Jahren eher überschaubar. Das war nicht immer so (und sollte auch nicht so bleiben), das zeigt Nikolai Roskamm mit seinem gerade bei transcript in der Reihe „Urban Studies“ erschienenen Werk „Dichte – eine transdisziplinäre Dekonstruktion – Diskurse zu Stadt und Raum“. Begriffsgeschichte zu betreiben hat mehr Beweggründe, als bloß die Bedeutung eines Wortes besser zu verstehen, sie will stets Bewusstsein schaffen. Und Nikolai Roskamm wird das mit „Dichte“ sicherlich gelingen.
Der Untertitel spricht von einer „transdiziplinären Dekonstruktion“ der Dichte, vor allem aber ist das Buch ein Überblick über die Fachdiskurse der letzten 150 Jahre aus den verschiedenen Disziplinen, deren Theorien die angewandte Stadtplanung mit Grundlagen versorgen, der weiter gespannt ist und andere Schwerpunkte setzt, als allgemein üblich: Sozial-, Planungs- und Bevölkerungswissenschaften. Durch die Diskursanalyse der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Verhältnis von Stadt und Raum und den Menschen, tun sich Horizonte auf, die unbedingt Beachtung verdienen – nicht nur von Stadtplanern. Entsprechend bieten sich verschiedene Lesarten des Buches an.
Seit ein zwei Jahrzenten, spätestens seitdem leistungsfähige Informationstechnologien eine weite Verbreitung gefunden haben, befindet sich die Theorieproduktion zu Architektur und Stadt in einer interessanten Situation. Während es noch immer einen starken Fokus auf eher kulturelle Deutungen der Vorgänge in der Stadt gibt, entwickeln sich parallel dazu auch eine Vielzahl von Versuchen, die ganze Angelegenheit mittels mathematischer Modelle zu erklären. Und während es natürlich auch viele Überschneidungen gibt, beim regelbasierten Entwerfen beispielsweise oder in den Vorstellungen der Systemtheorie, sind beide Perspektiven doch noch immer recht weit voneinander entfernt.
Ganz klar zu den „Mathematikern“ gehört der Physiker Geoffrey West, der in seinem TED-Talk eine Art Wachstumsmodell von Stadt, abgeleitet aus zahllosen statistischen Datensätzen, vorstellt. Und laut West lassen sich Städte, in all ihrer Komplexität und unabhängig von Größe, Land oder Kulturraum, auf ein paar einfache Regeln reduzieren, bei denen es immer um die Frage der Effizienz von Netzwerken (= Organismen = Städte) geht. Und das Geheimnis der Stadt ist dann ganz einfach, dass, mathematisch genau vorhersagbar, bei steigender Größe der Ressourcenaufwand für Infrastruktur unterproportional und der Output, an Einkommen, Patenten, Kreativität aber auch Aids oder Kriminalität überproportional wachsen. Kurz gesagt, größere Städte sich einfach, im positiven wie negativen, pro Kopf leistungsfähiger. Und, während diese Idee auch schon lange verbreitet ist, West hat hierfür nun erstmals einen Hauch von jener harten Wissenschaft gefunden, nach der er sich, als Physiker, auch hinsichtlich einer Theorie der Stadt sehnt.
Als 1970 Corbusiers „Oeuvre Complete“ vollständig war, hatte es 40 Jahre, 8 Bände und 1700 Seiten gebraucht, um alle wichtigen Arbeiten darzustellen. Und bis heute kann man, wenn man ein guter Mensch ist und illegale Downloads meidet, für den Spaß ganz leicht 600 € ausgeben.
Ich selbst kann mich wiederum gut daran erinnern, noch vor einigen Jahren in der Bibliothek nach bisher unveröffentlichten Projekten von OMA gesucht zu haben, eine durchaus aufregende Sache, bei der man, in vergilbten alten AD-Ausgaben beispielsweise, noch viel anderes Spannendes finden konnte. Nun, bittersweet, hatten solche Freuden natürlich irgendwann ein Ende, als OMA 2006, also auch schon relativ spät, endlich all seine Projekte online stellte. Keine Geheimnisse mehr, schade, dafür aber ein klarer Überblick. Und damit blieb nur noch ein prominenter Abstinenzler: Herzog & de Meuron. Seit dem 23. August ist allerdings auch das vorbei und auch H&deM hat, über 21 Jahre nach der Erfindung des Internets, eine eigene Website.
Seit Jahren ist Berlin stadtpolitisch ein heiß umkämpftes Feld und das noch mehr, seit sich auch die Kritiker wieder organisieren und verstärkt in die Diskussion eingreifen (siehe Team 11). Zu dieser Diskussion gehört auch die Auseinandersetzung mit den Hintergründen, wie es das schon etwas ältere Disko Nr. 19 „Townhouses“ von Nine Budde, Robert Burghardt und Kito Nedo versucht. Vor allem Burghardts Beitrag „Von der IBA zum Townhouse“ stellt einem dabei vor die interessante Frage, wie man politische Texte bespricht. Soll man sich an einer (vermeintlich) objektiven Bewertung versuchen oder seine eigene politische Haltung in Spiel bringen? Oder wäre es nicht auch spannend, den Text auf seine eigene politische Performance hin zu untersuchen?
Bei Burghardts Text bietet sich letzteres ganz besonders an, gibt es doch in seiner Argumentation einen Fehler, durch den der Text, eher versehentlich, etwas ins pseudopolitische abrutscht. Und zwar, weil alle Merkmale eines politisch-kritischen Texts vorhanden sind, zentrale Stellen aber, als Mittel in einer politischen Auseinandersetzung, viel zu angreifbar wären. Das Problem? In seinem Bemühen um eine möglichst umfassende polemische Kritik aller Teilargumente stimmt der Text, indirekt natürlich, einer Grundannahme der Gegenseite zu. Und ermöglicht es so, die durchaus gut begründeten Einwände ganz einfach mit einem Realpolitik-Verweis vom Tisch zu wischen.
Anders als in Europa, wo Theorie und Praxis bis heute relativ eng verbunden sind, hat sich das Architektur-Geschehen in den USA weitaus stärker in eine industrielle Großproduktion durch Büros wie SOM einerseits und eine relativ lebendige, aber auf die Praxis eher einflusslose akademische Szene andererseits aufgespalten. Und dieser Unterschied spiegelt sich auch in den Zeitschriftenlandschaften, wo in Europa eher hybride Publikums-Magazine zwischen Entwurf und Reflektion die Mehrfachbedürfnisse vieler kleiner Büros und ihrer eher praktisch orientierten, aber doch an Auseinandersetzung interessierten Angestellten befriedigen. Während es in der akademischen Szene Amerikas mehrere sehr theoretische Zeitschriften gibt, die eher an die Vielfalt stark forschungsorientierter, oft peer-reviewter Publikationen innerhalb der geisteswissenschaftlichen Disziplinen erinnern.
Aber, viel zu lange Rede für einen kurzen Hinweis: Die amerikanische Datenbank JSTOR bietet, über einige Partnerinstitutionen auch in Europa, vollen Online-Zugang (mit Download) zu einigen älteren dieser Zeitschriften wie Assemblage, Grey Room, Perspecta oder des Journals of Architectural Education. Und darüber hinaus auch zu wichtigen Zeitschriften aus benachbarten Disziplinen wie Design Issues oder October.
Einige Partnerinstitutionen im deutschsprachigen Raum sind unter anderem die Stabis in Berlin und München, die Bauhaus Uni Weimar, die Berliner UDK, die Uni Bielefeld, die ETH Zürich oder die österreichische Nationalbibliothek. Dort kann man dann einfach über seinen Rechner im WLAN Netz darauf zugreifen. Siehe auch die Login-Seite für weitere Institutionen.